Market Insights: EPEX Spot-Volatilität 2026 — Beschaffungsstrategien für industrielle Stromkunden
Der europäische Strommarkt befindet sich im Jahr 2026 in einem strukturell veränderten Umfeld. Der durchschnittliche EPEX Spot Day-Ahead-Preis für Deutschland lag im März 2026 bei rund 99 Euro pro Megawattstunde — ein Anstieg von annähernd 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Treiber dieser Entwicklung sind nicht allein geopolitische Verwerfungen, sondern eine enge Verzahnung von Gasmarkt, „Merit-Order“ und den gestiegenen CO₂-Kosten im Rahmen des EU-ETS. Für industrielle und gewerbliche Unternehmen, die Strom nicht strukturiert beschaffen, drohen erhebliche Mehrkosten im laufenden und kommenden Beschaffungszeitraum.
Gaspreise als dominanter Marginalpreissetzer
In der europäischen Stromerzeugung bestimmen Gaskraftwerke regelmäßig den Grenzpreis am Spotmarkt. Solange Wind- und Solarkapazitäten nicht ausreichen, um die Residuallast vollständig zu decken, setzt die „Merit-Order“ gasbefeuerte Anlagen als teuerstes eingesetztes Kraftwerk. Der TTF-Gaspreis notiert per 11. Mai 2026 bei rund 46,71 EUR/MWh — rund 40 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Hinzu kommen die Kosten für EUAs, die aktuell bei etwa 75 Euro pro Tonne CO₂ liegen, was dem offiziellen CBAM-Zertifikatspreis für Q1 2026 in Höhe von 75,36 EUR/tCO₂e entspricht.
Der „Clean Spark Spread“ — die Marge eines Gaskraftwerks nach Abzug von Brennstoff- und CO₂-Kosten — ist unter diesen Bedingungen eng geworden. Das bedeutet: Die hohen Spotpreise am EPEX werden nicht durch außergewöhnliche Kraftwerksmargen getrieben, sondern sind ein direktes Abbild der gestiegenen Inputkosten. Eine Normalisierung der Spotpreise setzt eine Entspannung am Gasmarkt voraus — diese ist auf kurze Sicht nicht absehbar.
Volatilität als strukturelles Merkmal des Spotmarktes 2026
Neben dem erhöhten Preisniveau hat die Volatilität am EPEX Spot zugenommen. Seit Oktober 2025 wird der Börsenpreis für Strom in Deutschland im 15-Minuten-Takt ermittelt, was die Preisausschläge innerhalb eines Handelstages verstärkt. Für Unternehmen mit dynamischen Strombezugsverträgen entstehen dadurch erhöhte Planungsrisiken. Selbst bei moderatem Durchschnittspreis können einzelne Viertelstunden-Slots extrem hoch notieren — insbesondere in Schwachlastzeiten bei geringer Einspeisung aus erneuerbaren Energien.
Diese Volatilität macht eine reine Orientierung am Spotmarkt für industrielle Kunden mit konstantem Grundlastbedarf riskant. Wer einen signifikanten Anteil seines Strombedarfs ungesichert am Spotmarkt bezieht, trägt ein erhebliches Preisrisiko, das sich in der Jahresbilanz direkt niederschlägt. Die Frage ist daher nicht, ob eine Absicherungsstrategie sinnvoll ist, sondern in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt sie umgesetzt wird.
Forward-Curve Strom: Beschaffungsfenster für Cal27 und Cal28
Am Terminmarkt für Strom spiegelt die „Forward-Curve“ die aktuellen Markterwartungen für künftige Lieferperioden wider. Für Cal27 — das Stromjahr 2027 — notieren die Terminpreise derzeit auf erhöhtem Niveau, da der Markt die strukturellen Engpässe am Gasmarkt und die weiterhin hohen CO₂-Kosten einpreist. Wer in diesem Umfeld strategisch vorgeht, kann durch gezieltes „Frontloading“ — also schrittweises Vorziehen von Terminabschlüssen — das Risiko einer weiteren Preisverschlechterung begrenzen.
Eine sinnvolle Beschaffungsstrategie für 2026 umfasst typischerweise eine gestaffelte Absicherung über mehrere Tranchen und Zeiträume. Durch die Aufteilung des Gesamtvolumens auf verschiedene Abschlusszeitpunkte wird das Risiko eines ungünstigen Einstiegszeitpunkts reduziert. Gleichzeitig bleiben Teile des Volumens für spätere Zukäufe reserviert, falls sich eine Marktkorrektur ergibt. Langfristig, strukturiert, risikogewichtet.
Auswirkungen auf die Beschaffungsstrategie industrieller Abnehmer
Unternehmen mit einem Strombedarf von über 500 MWh pro Jahr sollten ihre aktuelle Bezugsstruktur kritisch prüfen. Relevant sind dabei folgende Fragen: Welcher Anteil des Bedarfs ist bereits durch Terminkontrakte abgesichert? Zu welchen Durchschnittspreisen wurden diese Positionen aufgebaut? Welcher Anteil läuft noch am Spotmarkt oder über nicht gesicherte Verträge? Besteht ein strukturiertes Reporting über Marktpreisrisiken und offene Positionen?
In einem Marktumfeld mit Spotpreisen nahe 100 EUR/MWh und einer Forward-Curve, die keine rasche Entspannung signalisiert, ist reaktives Handeln kostspielig. Die Alternative ist eine proaktive, datengestützte Steuerung der Beschaffungspositionen — mit klaren Zielkorridoren und einer transparenten Entscheidungsdokumentation. Interne Beschaffungsprozesse, die diesen Ansprüchen nicht gerecht werden, sollten professionell begleitet werden. Eine strukturierte Energieberatung ist dabei der erste Schritt zur Analyse der Ausgangssituation.
Ausblick: Preiskorrektur erst bei Gasmarkt-Entspannung möglich
Die mittelfristigen Aussichten für den europäischen Strommarkt bleiben von Unsicherheit geprägt. Eine substanzielle Reduktion der EPEX-Preisniveaus setzt voraus, dass sich die Gasversorgungslage entspannt und TTF-Preise merklich unter das aktuelle Niveau fallen. Beide Bedingungen sind aktuell nicht erfüllt. Die Unterbrechungen in der globalen LNG-Versorgung, die strukturellen Kapazitätsprobleme in der Flüssiggas-Infrastruktur sowie die anhaltende geopolitische Unsicherheit dürften den Gasmarkt — und damit indirekt den Strommarkt — noch über Monate unter Druck halten.
Für Unternehmen bedeutet das: Die nächsten 12 bis 18 Monate werden preislich anspruchsvoll bleiben. Wer jetzt handelt und eine belastbare Beschaffungsstrategie implementiert, sichert sich gegenüber Mitbewerbern einen messbaren Wettbewerbsvorteil bei den Energiebezugspreisen. Laufendes Energiemanagement sorgt dafür, dass Marktopportunitäten systematisch genutzt werden — nicht reaktiv, sondern antizipierend.
Ihre Beschaffungsstrategie professionell strukturieren
Angesichts der hohen Strompreisvolatilität am EPEX Spot und der angespannten Lage am Terminmarkt ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Ihre Energiebeschaffungsstrategie auf eine solide Grundlage zu stellen. EM Energy Consulting GmbH begleitet industrielle und gewerbliche Unternehmen in Österreich und Deutschland bei der Entwicklung maßgeschneiderter Energiebeschaffungsstrategien. Mit über 1.400 GWh begleitetem Beschaffungsvolumen und mehr als 450 B2B-Kunden verfügen wir über die Marktkenntnis und die Instrumente, um Ihr Energiekostenmanagement professionell aufzustellen — unabhängig, transparent und ergebnisorientiert.
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