Market Insights: Hormuz-Krise und die neue Realität der europäischen Energieversorgung

Die Straße von Hormuz, Nadelöhr für rund 20 Prozent des weltweiten Öltransits, ist seit Mitte März 2026 de facto unter iranischer Kontrolle. Die Eskalation zwischen den USA und dem Iran hat eine Dimension erreicht, die den europäischen Energiemarkt in seinen Grundfesten erschüttert. TTF-Gas notiert bei über 50 EUR/MWh, EUAs fallen unter 69 Euro – eine paradoxe Gleichzeitigkeit, die strategisches Handeln erfordert.

Was geschah: Die Eskalationsspirale am Golf

Am 15. März 2026 griffen US-Streitkräfte militärische Einrichtungen auf der iranischen Insel Kharg an – dem zentralen Exportterminal für rund 90 Prozent der iranischen Ölausfuhren. Teheran antwortete mit einer Verhärtung der Kontrolle über die Straße von Hormuz: Jedes Schiff, das die Meerenge passiert, muss derzeit durch iranische Gewässer geleitet werden. 20 bestätigte Vorfälle mit Schiffsverkehr seit dem 1. März – darunter GPS-Störungen, Inspektionen und die Verweigerung freier Durchfahrt.

Gleichzeitig traf ein Drohnenangriff den Hafen von Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten, über den täglich rund eine Million Barrel Murban-Rohöl verladen werden. Die Verladungen wurden vorübergehend ausgesetzt. Das Signal ist unmissverständlich: Die Islamische Revolutionsgarde demonstriert, dass sie den Preis für jede weitere Eskalation in die Höhe treiben kann.

Was bedeutet das für den Gasmarkt?

Die unmittelbare Auswirkung auf den europäischen Gasmarkt ist beträchtlich. Der TTF-Frontmonat notiert bei rund 50,7 EUR/MWh – ein Anstieg von über 60 Prozent innerhalb eines Monats. Goldman Sachs hat seine TTF-Prognose für April auf 55 EUR/MWh angehoben, für das zweite Quartal auf durchschnittlich 45 EUR/MWh. Die frühere Schätzung lag bei 36 EUR/MWh. Eine Revision um mehr als 50 Prozent.

Die Mechanik dahinter ist komplex, aber nachvollziehbar. Obwohl Europa kein iranisches Gas bezieht, fungiert der Ölpreis als globales Risiko-Barometer, das über die LNG-Benchmark-Logik direkt auf den TTF durchschlägt. Wenn LNG-Tanker aus dem Persischen Golf umgeleitet werden müssen – aktuell verlagert sich der Schiffsverkehr bereits Richtung Rotes Meer und den saudischen Hafen Yanbu –, steigen die Frachtkosten und die Lieferzeiten. Europa konkurriert in diesem Umfeld direkt mit asiatischen Käufern um jede verfügbare LNG-Ladung.

Erschwerend kommt die Ausgangslage bei den Gasspeichern hinzu. Nach dem kalten Januar 2026 liegen die europäischen Füllstände bei historisch niedrigen Werten. Deutschland meldete zeitweise nur noch 29 Prozent Füllstand. Die Entnahmeraten lagen bei über 730 Millionen Kubikmetern pro Tag – der höchste Wert seit fünf Jahren. Die Einspeicherungssaison im Frühjahr wird damit zu einer finanziellen Mammutaufgabe.

Kann der Ölpreis zum Dauerbrenner werden?

Die Rohöl-Notierungen bewegen sich laut aktuellen Handelsberichten bereits im Bereich von 140 USD pro Barrel für physische Lieferungen. Das ist ein Niveau, das Europa seit der Energiekrise 2022 nicht mehr gesehen hat. Reuters hatte für 2026 noch einen Brent-Durchschnitt von 61 USD prognostiziert – diese Schätzung dürfte hinfällig sein, solange die Hormuz-Krise andauert.

Entscheidend ist die Frage, ob die Eskalation eingedämmt werden kann. Die USA dringen auf eine Koalition zur Sicherung der Meerenge, doch wichtige Verbündete zeigen sich zurückhaltend. Solange kein stabiler Schiffskorridor etabliert ist, bleibt die geopolitische Risikoprämie im Preis. Ein „Sell the Fact“-Szenario – also eine rasche Auspreisung der Prämien nach einer diplomatischen Lösung – ist möglich, aber nicht der Basisfall.

EUAs: Politischer Druck überlagert Fundamentaldaten

Während Gas und Öl nach oben schießen, bewegen sich die EU-Emissionszertifikate in die entgegengesetzte Richtung. EUAs notieren bei rund 69 EUR/tCO2 – ein Rückgang von fast 1,5 Prozent allein in der vergangenen Woche und weit entfernt von den über 90 Euro zu Jahresbeginn.

Die Treiber sind primär politisch. Eine Koalition von 13 EU-Staaten – die sogenannten „Friends of Industry“ – fordert eine grundlegende Überarbeitung des ETS mit Fokus auf Wettbewerbsfähigkeit. Italiens Industrieminister Adolfo Urso verlangt eine vollständige Aussetzung des Systems bis zur Revision. Die Europäische Kommission hat den Review für das dritte Quartal 2026 angesetzt, doch der Markt preist bereits jetzt eine Aufweichung ein: verlängerter Gratiszertifikats-Anspruch, Anpassungen der Market Stability Reserve, möglicherweise eine Verlangsamung des Reduktionspfades.

Carbon Pulse berichtete am 12. März von einem steilen Einbruch nach neuen Reform-Schlagzeilen. Die charttechnische Lage ist fragil. Ein nachhaltiger Bruch unter 68 Euro könnte die erwartete Fonds-Kapitulation auslösen – institutionelle Anleger halten nach wie vor signifikante Netto-Long-Positionen, die zunehmend unter Wasser stehen.

Strategische Einschätzung: Was bedeutet das für Ihre Beschaffung?

Die aktuelle Marktlage erfordert eine differenzierte Betrachtung. Auf der Gasseite dominieren bullische Risikofaktoren: geopolitische Prämien, niedrige Speicher, hohe Nachfrage für die Einspeicherung. Auf der CO2-Seite überwiegt bärisches Sentiment durch politischen Reformdruck. Diese Divergenz führt dazu, dass Strom- und Gasbeschaffung getrennt bewertet werden müssen.

Für gaslastige Portfolios gilt: Absicherungen auf dem aktuellen Niveau sind teuer, aber das Risiko weiterer Preisspitzen ist real. Eine tranchenweise Absicherungsstrategie – etwa 30 bis 40 Prozent des erwarteten Bedarfs auf Termin, den Rest am Spotmarkt – kann das Risiko einer einseitigen Positionierung reduzieren.

Für stromintensive Unternehmen: Der fallende CO2-Preis drückt die Grenzkosten der fossilen Stromerzeugung. Wer die Möglichkeit hat, Terminkäufe für 2027 zu tätigen, findet aktuell ein Fenster vor, das sich bei einer geopolitischen Entspannung rasch schließen könnte.

Die Volatilität der kommenden Wochen wird maßgeblich von den diplomatischen Entwicklungen am Persischen Golf abhängen. Planungssicherheit war selten so wertvoll wie heute. Fundierte Marktanalyse und strategische Flexibilität in der Beschaffung sind die entscheidenden Werkzeuge, um in diesem Umfeld bestehen zu können.

Quellen

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