Der Stromterminmarkt sendet in diesem Frühjahr widersprüchliche Signale. Auf der einen Seite liefert die Charttechnik ein klares bullisches Urteil: Das „Golden Cross“ im Cal 27 — das Überschreiten der 50-Tage-Linie über die 200-Tage-Linie — bestätigt einen intakten Aufwärtstrend, der sich seit Anfang 2024 aufgebaut hat. Auf der anderen Seite erzeugen die anhaltende Blockade der Straße von Hormus, ein angespanntes makroökonomisches Umfeld und ein strukturelles Gasspeicherdefizit erhebliche Unsicherheit. Für industrielle und gewerbliche Unternehmen, die ihre Beschaffungsstrategie für 2027 strukturieren, stellt sich damit eine entscheidende Frage: Ist der aktuelle Moment ein strategisches Einstiegsfenster — oder droht zunächst ein weiterer technischer Rücksetzer?
Das technische Bild: Golden Cross und der Support bei 88 Euro
Im Cal 27 Stromterminmarkt (Phelix DE Base) zeigt sich ein Bild, das technisch orientierte Beschaffungsverantwortliche aufhorchen lassen sollte. Das jüngste „Golden Cross“ gilt als eines der stärksten Trendbestätigungssignale der Charttechnik. Es zeigt an, dass kurzfristige Impulse den langfristigen Trend beschleunigen — ein Kaufsignal, das erfahrene Marktteilnehmer nicht ignorieren.
Gleichzeitig ist mit einem technischen Rücksetzer zu rechnen. Die Zone zwischen 88 und 90 EUR/MWh markiert das sogenannte Ausbruchsniveau — den Bereich, auf dem das Golden Cross technisch aufgebaut wurde. Ein Pullback in diese Region ist nicht als Trendumkehr zu werten, sondern als klassische Rückkehr auf das Niveau des Ausbruchs, bevor der Aufwärtstrend seine Fortsetzung findet. Für Unternehmen mit noch nicht vollständig abgesichertem Cal 27-Portfolio bietet diese Zone ein präzises Einstiegsfenster für strukturierte Beschaffungspositionen im Terminmarkt. Ein nachhaltiger Anstieg auf Schlusskursbasis über 96 EUR/MWh hingegen würde den Übergang in einen parabolischen Trend markieren — mit entsprechendem Handlungsdruck.
Warum die Fundamentaldaten das bullische Bild stützen
Die Charttechnik spiegelt wider, was die Fundamentaldaten bereits anzeigen: Der Strommarkt steht unter strukturellem Aufwärtsdruck. TTF-Gas notiert aktuell bei rund 47 EUR/MWh — ein Niveau, das gegenüber dem Vorjahr um nahezu 35 % höher liegt. Da Erdgas in der europäischen „Merit-Order“ regelmäßig den Grenzkostenpreis bestimmt, übersetzt sich die Gaspreishöhe direkt und unmittelbar in den Stromterminpreis.
Hinzu kommt das EUA-Preisniveau. EU-Emissionszertifikate handeln derzeit um die 75 EUR/t und damit an einem politisch motivierten Ankerpreis: Die EU benötigt diesen Erlös zur Finanzierung laufender Programme. Technisch zeigt die EUA-Monatskerze einen bullischen Hammer an der Unterkante des Trendkanals — ein Signal, das einen erneuten Anstieg in Richtung 80 bis 88 EUR/t nahelegt. Sollte die Marke von 75 EUR/t auf Schlusskursbasis nachhaltig überwunden werden, muss mit einer signifikanten Zusatzbelastung der Energiebezugspreise gerechnet werden.
Auch die geopolitische Versorgungslage unterstreicht das fundamentale Aufwärtsbild. Die Straße von Hormus bleibt nach aktuellem Stand nahezu vollständig blockiert. Rund 20 % der globalen Öl- und Gasmengen sind damit vom Markt entzogen — ein Ausfall, der die Reduktion russischer Gasmengen infolge des Ukraine-Krieges in seiner Dimension deutlich übertrifft. Während US-amerikanisches LNG und Omani-Mengen den Einbruch partiell kompensieren, reichen die verfügbaren Volumina nicht aus, um die europäischen Gasspeicher auf historisch normalisierte Füllstände zu heben.
Das Risikoszenario: Demand Destruction und der Long Squeeze
Wer ausschließlich der bullischen Grundannahme folgt, unterschätzt ein strukturelles Gegenrisiko. Die Terminmarkt-Positionierung zeigt derzeit Rekord-Netto-Long-Bestände bei gleichzeitig minimalen Short-Positionen. Dieses einseitig aufgestellte Sentiment ist ein klassischer Kontraindikator. Sollte eine überraschende Deeskalation — etwa die Wiedereröffnung der Straße von Hormus — eintreten, müssten diese Positionen in kurzer Zeit aufgelöst werden. Ein solcher „Long Squeeze“ kann die Preise rasch in den Bereich der beschriebenen Support-Zone treiben — und damit das Einstiegsfenster öffnen, das aktuell noch nicht vollständig zugänglich ist.
Parallel preisen die technischen Indikatoren bereits eine beginnende „Demand Destruction“ ein: Die konjunkturelle Abkühlung, ausgelöst durch anhaltend hohe Energiebezugspreise, zeigt sich in den harten Wirtschaftsdaten mit Verzögerung. Führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben die BIP-Wachstumsprognose für Deutschland 2026 bereits von 1,2 % auf 0,6 % halbiert. Ein dauerhaft hohes Preisniveau könnte die Industrienachfrage weiter dämpfen — und damit kurzfristige Kurskorrekturen auslösen.
Gasspeicher und Winterrisiko 2026/27 als langfristiger Preistreiber
Ein Faktor, der in der mittelfristigen Beschaffungsplanung häufig unterschätzt wird, ist die direkte Kopplung zwischen Gasspeicherstand und Winterstrompreis. Aktuelle Prognosen zeigen, dass die europäischen Gasspeicher ohne Normalisierung der Hormus-Situation zum 1. November 2026 lediglich einen Füllstand von rund 65 % erreichen könnten — deutlich unter dem für eine sichere Winterversorgung erforderlichen Niveau von 90 %.
Für den Strommarkt bedeutet ein derart niedriger Gasspeicherstand ein erhöhtes Rückfallrisiko auf Kohle- und Ölkraftwerke im Winter. Das weitet den Clean Spark Spread aus und stützt den Cal 27 Terminpreis strukturell. Hinzu kommt das Risiko einer staatlichen Speicherintervention: Sollte der Marktgebietsverantwortliche THE den Auftrag erhalten, Speicher ohne Preislimit zu befüllen, würde das „Front-Running“ durch Spekulanten die Gaspreise schlagartig nach oben treiben — mit unmittelbaren Auswirkungen auf den Strom-Terminmarkt.
Handlungsrahmen: Strukturiert kaufen, nicht spekulieren
Aus der Analyse leitet sich ein konkreter Handlungsrahmen ab. Nutzen Sie technische Rücksetzer in der Zone zwischen 88 und 90 EUR/MWh als definierte Einstiegspunkte für antizipatorische Beschaffungstranchen. Eine vollständige Absicherung auf einmal birgt das Risiko, kurzfristige Korrekturen zu verpassen; eine vollständig offene Position hingegen setzt Ihr Unternehmen dem gesamten Aufwärtsrisiko aus.
Bewährt hat sich ein stufenweiser Ansatz: erste Tranche beim Erreichen der Support-Zone (88–90 EUR/MWh), weitere Tranchen bei Trendbestätigung auf Schlusskursbasis über 96 EUR/MWh oder bei fundamentalen Lageveränderungen — etwa einer Hormuz-Öffnung oder einer staatlichen Speicherintervention. Parallel empfiehlt sich die laufende Überwachung des EUA-Preisniveaus: Ein nachhaltiger Anstieg über 75 EUR/t wäre ein Warnsignal, das eine Beschleunigung der Absicherungsmaßnahmen rechtfertigt. Ausnahmslos.
Das Fenster für strukturierte Cal 27-Beschaffung bleibt vorerst geöffnet. Langfristig, flexibel, strukturiert — wer jetzt mit definierten Einstiegsniveaus und klaren Entscheidungsregeln agiert, positioniert sich für eine Versorgungssicherheit im Jahr 2027, die auf Marktkenntnis basiert und nicht auf kurzfristigen Preishoffnungen.
Ihre Beschaffungsstrategie professionell strukturieren
Die aktuelle Divergenz zwischen technischen Signalen und geopolitischer Unsicherheit erfordert ein strukturiertes Vorgehen bei der Cal 27-Beschaffung. EM Energy Consulting GmbH begleitet industrielle und gewerbliche Unternehmen in Österreich und Deutschland bei der Entwicklung maßgeschneiderter Energiebeschaffungsstrategien. Mit über 1.400 GWh begleitetem Beschaffungsvolumen und mehr als 450 B2B-Kunden verfügen wir über die Marktkenntnis und die Instrumente, um Ihr Energiekostenmanagement professionell aufzustellen — unabhängig, transparent und ergebnisorientiert.
- Energieberatung – Analyse Ihrer aktuellen Bezugsverträge und Identifikation konkreter Einsparungspotentiale
- Energiemanagement – Laufende Marktüberwachung und strategische Steuerung Ihrer Beschaffungspositionen
- Energieoptimierungen – Strukturierte Maßnahmen zur nachhaltigen Reduktion Ihrer Energiebezugspreise
Vereinbaren Sie jetzt ein unverbindliches Erstgespräch — kostenlos, ohne Verpflichtung, mit konkretem Mehrwert für Ihr Unternehmen.



