Market Insights #28: TTF über 50 Euro – Gaspreisexplosion zwischen Iran-Krise und ETS-Debatte
Der europäische Gasmarkt hat in der Woche der Kalenderwochen 10/11 eine Bewegung erlebt, die die meisten Marktteilnehmer so schnell nicht erwartet hatten: Der TTF-Frontmonat schoss innerhalb von Tagen um mehr als 31 Prozent nach oben auf 58,60 EUR/MWh – der größte Wochenanstieg seit drei Jahren. Gleichzeitig brachen EU-Emissionszertifikate (EUAs) auf ein 6-Monats-Tief ein. Die Schere zwischen Gas und CO₂ öffnet sich. Was steckt dahinter, und was bedeutet das für Ihre Beschaffungsstrategie?
Der TTF-Schock: 31 Prozent in einer Woche
Auslöser der Bewegung war die militärische Eskalation im Nahen Osten. Mit dem US-amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran – von US-Militärkreisen als „Operation Epic Fury“ bezeichnet – wurden die Nerven der Gasmärkte auf die härteste Probe seit der russischen Invasion in die Ukraine 2022 gestellt. Der April-Kontrakt am TTF notiert aktuell bei rund 50,4 EUR/MWh, während der Spotmarkt zeitweise 58,60 EUR erreichte.
Der unmittelbare Preistreiber ist die Bedrohung für LNG-Lieferketten durch die Straße von Hormus. Katar allein verantwortet rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels; jede nachhaltige Beeinträchtigung des Durchsatzes würde den ohnehin angespannten europäischen Speicherstand weiter unter Druck setzen. Nach einem kalten Winter liegen die europäischen Gasspeicher weit unterhalb des saisonalen Musters – dies engt den Puffer erheblich ein.
Goldman Sachs hat daraufhin die TTF-Prognose deutlich nach oben revidiert: April-Forecast nun 55 EUR/MWh (bisher 36), Q2-Durchschnitt auf 45 EUR/MWh (bisher ebenfalls 36). Die Analysten um Samantha Dart und Frederik Witzemann begründen dies mit der Unsicherheit rund um die Dauer des Qatari-Ausfalls sowie mit höher als erwartetem Gasverbrauch für die Stromerzeugung im vergangenen Winter – ein strukturell belastender Carry-over-Effekt. Im Extremszenario – sollte die Straße von Hormus dauerhaft blockiert werden – sehen die Strategen von Goldman Sachs TTF potenziell in Richtung 100 EUR/MWh. Ein Szenario, das derzeit nicht im Basis-Case liegt, aber als Tail Risk in der Forward-Curve eingepreist werden sollte.
ETS unter politischem Beschuss
Während Gas explodiert, bewegen sich die EU-Emissionsberechtigungen (EUAs) in die entgegengesetzte Richtung. EUAs fielen auf rund 68 bis 73 EUR/tCO₂ – das tiefste Niveau seit sechs Monaten, ein Verlust von fast 20 Prozent seit Jahresbeginn. Der Auslöser war politischer Natur.
Bundeskanzler Friedrich Merz signalisierte öffentlich, Deutschland sei „offen“ für eine Revision oder sogar Verschiebung des EU-ETS. Die Reaktion war unmittelbar: EUA December-26 verlor am 12. Februar in der Eröffnung 6,5 Prozent. Ein einzelnes politisches Statement löste eine Kaskade aus. Denn hinter dem deutschen Signal steht die Befürchtung, dass ein zu rasch steigender CO₂-Preis die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gefährdet – gerade in einem Moment, in dem die Gaspreise ohnehin stark anziehen.
Sieben EU-Mitgliedstaaten, darunter die Niederlande und Schweden, haben die Europäische Kommission inzwischen schriftlich gewarnt, das bestehende Energiemarktdesign nicht grundlegend umzugestalten. Die Kommission hat eine ETS-Review für Q3/2026 geplant; diskutiert werden Anpassungen bei Free Allocations und Allowance Caps. ClearBlue Markets schätzt, dass eine Einspeisung von 20 bis 60 Prozent des Free-Allocation-Buffers als Zusatzangebot die EUA-Preise zwischen 2,40 und 12,95 EUR pro Jahr über 2026–2030 drücken könnte – kein marginaler Effekt.
Die EUA-Lage ist damit von struktureller Unsicherheit geprägt: Die Fundamentaldaten (sinkende freie Zuteilungen, steigendes Cap-Abbautempo) zeigen nach oben, die politische Intervention zeigt nach unten. Wer im ETS-Markt Positionen hält oder seine Beschaffungsstrategie auf einem stabilen CO₂-Pfad aufgebaut hat, muss diese Annahmen derzeit neu kalibrieren.
Was treibt die Divergenz?
Das gleichzeitige Steigen von Gas und Fallen von CO₂ ist ungewöhnlich. Normalerweise korrelieren beide Preise positiv: Hohe Gaspreise erhöhen den Anreiz, auf Kohle umzusteigen (Gas-to-Coal Switching), was wiederum die CO₂-Nachfrage erhöht – Kohle emittiert mehr je MWh als Gas. Warum weicht der Markt derzeit von diesem Muster ab?
Erstens ist der aktuelle Gaspreisanstieg geopolitisch getrieben, nicht durch eine Nachfragebeschleunigung. Eine kriegsbedingte Angebotsverknappung trifft auf Unsicherheit – nicht auf Wachstum. Das dämpft die industrielle Gesamtnachfrage, einschließlich der CO₂-Nachfrage. Zweitens sind die politischen Risiken für das ETS asymmetrisch nach unten verteilt, da Merz und andere Schwergewichte offen über eine Lockerung sprechen. Drittens befinden sich Fonds und spekulatives Kapital nach Monaten rückläufiger EUA-Preise in einer defensiven Haltung – Long-Positionen werden abgebaut, nicht aufgebaut.
Das Resultat ist eine strukturelle Entkopplung: Gaspreis zieht stark an, CO₂-Preis gibt nach. Diese Divergenz ist historisch selten und signalisiert, dass zwei voneinander unabhängige Schockwellen – geopolitisch einerseits, regulatorisch-politisch andererseits – gleichzeitig auf den Energiemarkt treffen.
Einordnung und Ausblick: Was bedeutet das für Ihre Beschaffungsstrategie?
Die aktuelle Lage verlangt differenziertes Handeln. Eine pauschale Empfehlung gibt es nicht – aber einige klare Orientierungspunkte.
Für gasintensive Abnehmer gilt: Wer noch offene Mengen für Q2 oder Q3 2026 hat, sollte die aktuelle Terminkurve genau analysieren. Die Forward-Curve spiegelt bereits die Goldman-Revision wider. Gleichzeitig gilt: Märkte in Panik überschießen regelmäßig. Ein Hormuz-Szenario ist ein Tail Risk, kein Basisszenario. Wer jetzt im Schock kauft, trägt das Risiko einer Korrektur bei Deeskalation.
Für ETS-pflichtige Unternehmen gilt: Die aktuelle Schwäche der EUAs kann eine strategische Gelegenheit sein – sofern die politische Unsicherheit als temporärer Faktor und nicht als dauerhafte Strukturveränderung eingestuft wird. Die Fundamentaldaten des ETS (schrumpfende Caps, steigender Dekarbonisierungsdruck) bleiben langfristig intakt. Ein opportunistischer Aufbau von EUA-Positionen in der aktuellen Schwächephase wäre eine legitime Strategie – allerdings mit dem klaren Risiko, dass die politische Diskussion noch länger andauert.
Die entscheidende Frage lautet: Wie lange dauert der Iran-Konflikt? Und wie weit geht die politische Bereitschaft zur ETS-Revision? Beide Fragen sind derzeit offen. Die Märkte hassen Unsicherheit – und liefern sie gerade en masse.
Für Ihre Beschaffungsstrategie bedeutet dies: Neutral positionieren, Puffer erhalten, Eskalations- und Deeskalationsszenarien explizit durchrechnen. Reaktiver Kauf in Preispanik ist in der Regel keine bessere Strategie als strukturiertes, geplantes Hedging auf der Terminmarkt-Ebene.
Wir unterstützen Sie bei der Neubewertung Ihrer offenen Positionen und der Modellierung von Szenarien für Q2/Q3 2026. Sprechen Sie uns an.
Quellen:
Investing.com – Goldman hebt europäischen Gaspreis-Ausblick an
Reuters – Gaspreise nach Iran-Angriffen
Eurometal – EUA-Preisrutsch nach Merz-Statement
ClearBlue Markets – EUA Dec-26 auf August-Tiefs
Trading Economics – EU Carbon Permits aktuelle Preisdaten
Center for American Progress – Auswirkungen des Iran-Kriegs auf Energiepreise



